
Folge #102: Die Berghütte der Zukunft
Foto: Andrea Deplazes
Wir fragen uns in dieser Folge, wie die „Hütte der Zukunft“ aussehen muss, um in den Bergen bestehen zu können? Wohin geht die Reise zwischen nachhaltigen Energiekonzepten und klimaresistenten Materialien? Werden wir irgendwann in Kugelhütten aus Aluminium statt im Matratzenlager übernachten?
Worum geht es in dieser Folge?
Alpenvereinshütten sind teilweise über einhundert Jahre alt – viele von ihnen erreichen gerade ihr natürliches Ablaufdatum. Laut Lukas Kremser, Hütten-Experte des österreichischen Alpenvereins, werden derzeit jedes Jahr bis zu drei Häuser entweder saniert oder neu gebaut.
Hütten-Neubauten wie die Monte-Rosa-Hütte im Wallis oder auch die Neue Seethalerhütte am Dachstein sehen mit ihren kristallinen Formen und Aluminiumfassaden eher aus wie Raumschiffe als klassische Hütten. Das gefällt nicht allen, doch ihre Gestaltung ist nicht willkürlich: Um unter den sich verändernden klimatischen Rahmenbedingungen in den Alpen bestehen zu können, muss die „Hütte der Zukunft“ energieautark, widerstandsfähig und kostenoptimiert sein. Vor zwanzig Jahren hat die neue Monte-Rosa-Hütte Standards gesetzt, doch was kommt als nächstes?
Wir fragen uns in dieser Folge: Warum hängen wir so sehr an althergebrachten Stereotypen und warum sehen moderne Hütten so aus, wie sie aussehen? Wohin geht die Reise noch? Ist die gläserne Kugelhütte nur Utopie, oder könnte sie tatsächlich Realität werden? Darüber sprechen wir mit Andrea Deplazes, Architekt der futuristischen Monte-Rosa-Hütte im Wallis, Thomas Heil, Planer der Neuen Seethalerhütte am Dachstein sowie Lukas Kremser, Hüttenexperte des Österreichischen Alpenvereins.
Abbildungen zur Podcast-Folge
Sieh dir hier die im Podcast besprochenen modernen Hüttenbauten, Bergprojekte und Skizzen an – von der neuen Monte-Rosa-Hütte bis zur im Bau befindlichen Titlis-Bergstation.



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Das sagen die Interviewpartner zur „Hütte der Zukunft“
Andrea Deplazes, Architekt der neuen Monte-Rosa-Hütte:
Die Form und Bauweise einer Berghütte ist kein ästhetischer Selbstzweck, sondern das Ergebnis vieler Rahmenbedingungen. Die entsprechende Architektur entsteht aus einem Abwägen von Faktoren wie Gelände, Klima, Energieversorgung und Materialtransport.
Der Klimawandel verändert die Grundlagen des Bauens im Hochgebirge. So destabilisiert etwa das Auftauen des Permafrosts den Untergrund hochalpiner Hüttenbauten. Durch das häufigere Auftreten von Wetterextremen müssen Materialien besonders langlebig sein, was z.B. für das Verwenden von Aluminium als Außenfassade spricht.
Moderne Hütten müssen möglichst energieautark funktionieren. Sonnenkraft spielt dabei eine entscheidende Rolle. So wird auf der Monte-Rosa-Hütte etwa Strom durch Photovoltaik und passive Solarwärme durch strategisch angeordnete Fensterbänder gewonnen.
Wasser wird im Hüttenbau zum entscheidenden Zukunftsproblem. Wenn die Gletscher verschwinden, fehlt eine unverzichtbare Wasserressource. Ohne Wasser wird man sich die grundlegende Frage stellen müssen: Soll man an bestimmten Orten überhaupt noch Hütten bauen?
Die Zukunft der Berghütte könnte zwei Extreme entwickeln: sehr spartanische Schutzhütten ohne Wasserversorgung für Spezialisten und stark touristische Berganlagen, die eine geschützte Erlebniswelt für die breite Masse bieten. Andrea Deplazes sieht letztere Vision in der neuen Berg-Station am Titlis (geplante Eröffnung 2029) bereits teilweise realisiert.
Thomas Heil von dreiplus Architekten, Planer der neuen Seethalerhütte:
Der Hüttenentwurf für die neue Seethalerhütte hat zunächst einen regelrechten „Shitstorm“ ausgelöst. Viele Menschen haben ein romantisches Bild der klassischen Berghütte (Holzschindeln, Fensterläden etc.) und erkennen erst später die Vorzüge moderner Bauten.
Die Energieautarkie und das selbstständige Funktionieren einer Berghütte sind zentral. So sind beispielsweise die Dach- und Fassadenflächen der neuen Seethalerhütte optimal zur Sonne ausgerichtet, die schrägen Flächen dienen auch dazu, Regenwasser zu sammeln.
Der Klimawandel verändert die Nutzung der Berge. Am Dachstein, dem Standort der Seethalerhütte, wird er durch den Rückgang der Gletscher besonders sichtbar.
In Zukunft könnten im Hüttenwesen neue Technologien wie 3D-Druck, neue Baumaterialien und die Versorgung mittels Drohnen eine Rolle spielen.
Moderne Hütten sollen trotz innovativer Technik gemütlich bleiben. Innenräume aus Holz und kleinere Zimmer statt großer Matratzenlager sind mögliche Lösungen.
Lukas Kremser, Hütten-Experte des Österreichischen Alpenvereins:
Der OAV betreibt rund 223 Hütten, von denen viele über einhundert Jahre alt sind und damit ihr natürliches Lebensende erreichen. Jährlich müssen derzeit zwischen einer bis drei Hütten saniert oder neu gebaut werden.
Ein zentrales Problem ist das Zurückgehen der Gletscher und die dadurch knapper werdenden Wasserreserven für höher gelegene Hütten. Lösungen sind derzeit größere Zwischenspeicher und Regenwassernutzung.
Berghütten müssen sich wieder stärker auf das Notwendige reduzieren. Gästeduschen in Lagen mit Wasserknappheit lehnt der OAV grundsätzlich ab. Eine Hütte soll eine einfache Unterkunft sein und nur so viel Technik haben wie nötig.
Die Berghütte ist kein statisches Konzept, sondern entwickelt sich ständig weiter. In den letzten hundertdreißig Jahren haben sich Baumaterialien, Technik, aber auch Ansprüche – insbesondere seitens der Pächter und des Personals – stark verändert.
Bei der Energieversorgung sind heute Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und teilweise auch Kleinwasserkraftwerke Standard. Experimentiert wird bereits mit Windrädern und Wasserstoffsystemen.
Ich denke, das Bild der Alphütte, das so verklärt wird, ist ein Bild, das dem langsamen Wandel unterliegt. Vielleicht werden die nächsten zwei Generationen das nur noch als historische Tatsache anschauen, aber nicht mehr als eine Lebensform, mit der man sich irgendeine Anknüpfung vorstellen kann.
Andrea Deplazes, Architekt der neuen Monte-Rosa-Hütte

Eine kurze Geschichte des Hüttenbaus
Die ersten dokumentierten Berg-Unterkünfte in den Alpen waren Hospize für Pilger und Reisende, deren Weg im Mittelalter über die Alpen führte – sowas wie die Vorläufer der heutigen Schutzhütten. Später waren es eher Wissenschaftler, z.B. Kartographen, und die Pioniere des Bergsteigens, die Stützpunkte und einfache Unterschlüpfe brauchten. Der Schutz vor den extremen Wetterbedingungen im Hochgebirge und spartanische Übernachtungsmöglichkeiten standen im Vordergrund.
Als Baumaterial diente, was man in der näheren Umgebung fand, oberhalb der Baumgrenze also oft Stein, später ergänzt durch Holzfachwerksbau, der bereits einen gewissen Grad an Standardisierung ermöglichte. Die Bauteile wurden im Tal gezimmert und am Berg zusammengesetzt.
Die ersten Alpenvereinshütten für eine breitere Masse entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Alpinismus entwickelte sich immer mehr zu einer breitenwirksamen sportlichen Betätigung. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kam es zu einem regelrechten Ansturm auf die Alpen, der bis heute anhält. Viele Hütten wurden erweitert, aufgestockt und mit mehr Komfort wie etwa Duschen und mit Materialseilbahnen versehen. Ende der 1950er-Jahre wurde im Hüttenbau erstmals ein Hubschrauber eingesetzt.
Erst spät im 20. Jahrhunderts rückte die Erderwärmung infolge des Treibhauseffekts ins allgemeine Bewusstsein, womit der Umweltschutzgedanke auch ins Hüttenwesen verstärkt Einzug hielt. Vor allem auf hoch gelegenen Schutzhütten lautet die Devise. seither: Ressourcen und Energie sparen, umweltschonende Materialien und Techniken einsetzen.
Zusätzliche Hütten werden durch die Alpenvereine heute keine mehr gebaut, dafür sind bei Sanierungen oder Ersatzbauten innovative und nachhaltige Konzepte gefragt. Der Deutsche Alpenverein hat sich selbst zum Ziel gesetzt, bis 2030 klimaneutral zu sein. Beim AV lautet das Zieldatum 2033.

Zusammenfassung: Wie sieht die „Hütte der Zukunft“ aus?
Ausgangslage: Viele Berghütten in den Alpen erreichen derzeit ihr natürliches Lebensende. Besonders in hochalpinen Lagen entstehen neue Probleme:
Auftauender Permafrost macht den Baugrund instabil.
Extreme Wetterbedingungen stellen höhere Anforderungen an Dächer und Fassaden.
Schmelzende Gletscher führen langfristig zu Wasserknappheit.
Moderne Hütten müssen deshalb energieeffizient und umweltfreundlich sein. Der Deutscher Alpenverein hat sich zum Ziel gesetzt, im Hüttenwesen bis 2020 klimaneutral zu sein, der Österreichischer Alpenverein bis 2033.
Typische Elemente moderner Hütten:
Photovoltaik-Anlagen zur Stromgewinnung an sonnenexponierten Fassaden
Batteriespeicher für den erzeugten Strom
Fensterbänder zur Nutzung passiver Solarwärme
Wetterfeste Aluminiumfassaden für hohe Langlebigkeit
Holzleichtbau im Inneren (vorgefertigt und leicht transportierbar)
Wassersammel- und Aufbereitungssysteme für Regen- und Schmelzwasser
Fazit: Der Hüttenbau in den Alpen befindet sich im Umbruch. Klimawandel, technische Möglichkeiten und neue Anforderungen führen zu nachhaltigen und innovativen Bauformen. Die optimale Bauweise hängt stark vom jeweiligen Standort ab, entscheidend ist auch die Nutzung lokaler Ressourcen. Die eine „Hütte der Zukunft“ gibt es deshalb nicht, sondern nur individuelle Lösungen. Qualitäten wie Gemütlichkeit und Behaglichkeit müssen und sollten in modernen Bergunterkünften nicht auf der Strecke bleiben.
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