
Aktuelle Forschungsergebnisse legen nahe, dass es in dreißig Jahren keine Gletscher mehr in Österreich geben wird. Unser Redakteur hat sich gefragt, was das für sein Leben konkret bedeutet.
Eine unumkehrbare Entwicklung 1. Berghütten werden sich ändern 2. Geduscht wird nur noch zuhause 3. Hüttenwandern lieber mit Seil 4. Skifahren im Frühling wird schwierig 5. Staunende Augen werden seltener 6. Trinkwasser ist nicht selbstverständlich 7. Spuren verschwinden Wo sich der Kreis schließt
Österreich wird in dreißig Jahren keine Gletscher mehr haben, und sollte mir die durchschnittliche Lebenserwartung vergönnt sein, werde ich diesen Moment sogar mitbekommen. Auf diese Erkenntnis lässt sich für mich der aktuelle Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins runterbrechen. Er basiert auf systematischen Beobachtungen – seit 135 Jahren werden die heimischen Gletscher vermessen.
Im Schnitt zogen sie sich im letzten Jahr um 20,3 Meter zurück. Österreichs berühmtester Gletscher, die Pasterze auf dem Großglockner in Kärnten, hat an der Hauptzunge sogar 54 Meter verloren und wird womöglich bald zweigeteilt sein. Wer mehr Zahlen einsehen möchte, kann es hier tun.
Eine unumkehrbare Entwicklung
Grund für den dramatischen Rückgang des vermeintlich „ewigen“ Eises ist die Klimaerwärmung. An den ausgewerteten Hochgebirgsstationen lagen die Temperaturen auch im Vorjahr um zwei Grad über dem langjährigen Jahresdurchschnitt. Dazu kam ein schneearmer Winter, in Summe wurde ein Niederschlagsdefizit von 24,5 Prozent verzeichnet. Selbst wenn man die bisherigen Versäumnisse der Klimapolitik korrigieren und die Treibhausgasemissionen drastisch verringern würde, wären die Gletscher nicht mehr zu retten. Ungefähr im Jahr 2050 werden wir in Österreich Gletscher nur noch in besonders geschützten Lagen erleben können, sagt Andreas Kellerer-Pirklbauer, der den Gletschermessdienst des Alpenvereins leitet.
Doch was bewirkt diese Erkenntnis eigentlich, außer vielleicht ein diffuses Unbehagen beim Ansehen sich im Zeitraffer zurückziehender Eiszungen? Was hat das Verschwinden der Gletscher im Hochgebirge für konkrete Auswirkungen in meinem Alltag, an meinem Bürotisch oder selbst beim Sport im Freien, der selten die Baumgrenze übersteigt? Wie tief sickert das unaufhörlich dahinschmelzende Eis in meinen persönlichen Lebensbereich? Eine Spurensuche.




1. Berghütten werden sich ändern
Vor wenigen Wochen bin ich mit der Gletscherschmelze zu einem Thema in Berührung gekommen, bei dem ich es nicht erwartet hätte – zumindest nicht in diesem Ausmaß. Ich habe für den Bergwelten-Podcast gerade eine Folge zum Thema „Die Berghütte der Zukunft“ gestaltet, als mir Lukas Kremser, Hüttenexperte des Österreichischen Alpenvereins, erzählte, dass derzeit bis zu drei AV-Hütten jährlich erneuert oder ganz neu gebaut werden müssen. Das verwundert nicht, bedenkt man, dass die ältesten Berghäuser des Alpenvereins in einer Zeit errichtet wurden, als auf den Straßen noch Pferdekutschen fuhren. Und doch ist es nicht allein die natürliche altersbedingte Verwitterung von Dächern und Holzschindeln, die den Hütten-Oldies zu schaffen macht, sondern in erster Linie die sich verschlechternde Wasserversorgung. Schmelzendes Gletschereis nährt Grundwasserspiegel, Bäche und Quellen im Hochgebirge – der Rückgang der Gletscher bedroht die natürlichen Wasserreserven am Berg, insbesondere im Hochsommer.
Im Moment behilft man sich laut Lukas Kremser noch mit der Vergrößerung von Zwischenspeichern für Quell- und Regenwasser. Noch drastischer bringt es Andrea Deplazes, Planer der spektakulären Monte-Rosa-Hütte in der hochalpinen Gletscherwelt des Wallis, auf den Punkt. Der energieautarke Bau, vor rund zwanzig Jahren als idealtypische „Hütte der Zukunft“ geplant, sammelt von Juni bis August Schmelzwasser des nahen Grenzgletschers. Verschwindet die natürliche Ressource Gletscher, müsste man das Wasser mit dem Helikopter auf 3.000 Meter befördern. Andrea Deplazes fragt sich daher wohl zurecht, ob man dann überhaupt noch Hütten im Gebirge bauen soll.
Hier kannst du dir die Podcast-Folge anhören: #102 Die Berghütte der Zukunft
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2. Geduscht wird nur noch zuhause
Die Wasserknappheit wird durch ein wärmer werdendes Alpenklima noch verstärkt. Laut dem aktuellen Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins wurde im Vorjahr erneut ein schneearmer und warmer Winter sowie ein außergewöhnlich warmer Frühsommer verzeichnet. Die Temperaturen lagen an den ausgewerteten Hochgebirgsstationen um zwei Grad über dem langjährigen Jahresdurchschnitt. Der Juni war sogar um fast fünf Grad zu warm. Gleichzeitig wurde ein Niederschlagsdefizit von 24,5 Prozent verzeichnet. Bedingungen, die den Gletschern weiter zusetzen. Und, die allen, die sich gerne in den Bergen aufhalten, ein neues Credo auferlegen: Wasser sparen! Für den Österreichischen Alpenverein sind Gästeduschen auf Hütten mit sehr beschränkten Wasserressourcen schon heute ein No-Go. Diese Entwicklung ist nicht ausschließlich bedauerlich, denn so werden Berghütten auf eine Funktion zurückgestuft, für die sie ursprünglich erdacht wurden: einfache Unterkünfte, die am Berg vor Wind und Wetter schützen. Für mich als passionierten Morgenduscher heißt das aber: zuhause brausen und am Wander-Wochenende auf die geruchshemmende Wirkung von Merinowäsche hoffen.
3. Hüttenwandern lieber mit Seil
Ich bin selten in ganz hohen alpinen Lagen unterwegs, als Bergwelten-Redakteur weiß ich trotzdem, dass durch das Schmelzen von Gletschern und insbesondere das Auftauen des Permafrosts manche Hochtour-Passagen, wie die Steilrinne Grand Couloir am Normalweg zum Mont Blanc, von immer heftigerem Steinschlag bedroht sind (mehr dazu in der Podcast-Folge Spielt das Wetter in den Bergen verrückt?). Eher in meiner Liga angesiedelt sind Probleme, die derzeit beim Zustieg zu gletschernahen Hütten entstehen. Der Weg zur Seethalerhütte am Dachstein beispielsweise ist aufgrund des dramatisch schnellen Schmelzens des Hallstätter Gletschers im Sommer zunehmend spaltig und verwandelt sich allmählich von einer einfachen Gletscherwanderung auf präpariertem Weg zu einem felsigen Steig. Die Natur hat uns in gewisser Weise einen weißen Teppich zu den schönsten Bergplätzen ausgerollt, nun zieht sie ihn langsam wieder ein. Ich zumindest würde mir den Weg zur Brettljause zweimal überlegen, wenn dafür eine Seilsicherung notwendig ist.

4. Skifahren im Frühling wird schwierig
Meiner Frau sei Dank habe ich die Liebe zum Skifahren entdeckt. Muffige Erinnerungen an Schulskikurse verstaute ich zwei Jahrzehnte lang erfolgreich im Gehirnkastl des Vergessens – mit modernen Carving-Ski hingegen macht es richtig Spaß, über die Pisten zu kurven. Doch wo geht das Anfang März noch gut? Skigebiete kämpfen immer öfter mit dem Schneemangel, einige niedriger gelegene Ziele in Österreich mussten in den letzten Jahren deswegen bereits zusperren. Wir haben uns schließlich für Bad Kleinkirchheim entschieden – bei plus 15 Grad sekündlich wegtröpfelnde Verbindungspisten haben uns den Spaß nicht unbedingt verdorben, trotzdem überlegen wir, nächstes Jahr auf ein schneesicheres Gletscherskigebiet auszuweichen. Die Frage ist, wie lange es diese Option noch geben wird. Am Dachstein-Gletscher wurde der alpine Skibetrieb schon 2023 eingestellt – nimmt man die Gletscherschwundprognosen ernst, werden über kurz oder lang weitere Schließungen folgen.

5. Staunende Augen werden seltener
Bleiben wir am Dachstein, wo sich vergangenen Sommer das letzte Eisband einer jahrtausendealten Verbindung zwischen dem Hallstätter und dem Schladminger Gletscher aufgelöst hat. Dass es diese Meldung in zahlreiche Nachrichten geschafft hat, verdeutlicht, wie sehr uns das langsame Schwinden einstiger Naturgewalten ans Herz geht. Doch warum eigentlich?
Für mich liegt die Antwort vielleicht in einem Dachstein-Ausflug, den ich vor einigen Jahren zusammen mit meinem Vater und einem aus Polen angereisten Cousin unternahm. Zwar ging es nur mit der Gondel hoch, das Staunen über das Gipfelmeer auf der einen und die Gletscherwelt auf der anderen Seite war beiden aber ins Gesicht geschrieben. Womöglich war auch schon eine Brise Wehmut dabei. Die müssen Einheimische erst recht verspüren – der seelische Schmerz, den der Verlust einer heimatlichen Umgebung durch Umweltzerstörung auslöst, hat in der Wissenschaft sogar einen Namen: Solastalgie. Und schließlich kann und muss man das Problem auch von der individuellen Ebene lösen: Viele Tourismusregionen in den Alpen leben von der Faszination der Gletscher, sie werden sich in Zukunft neu erfinden müssen. Einstweilen kommt es zu einer paradoxen Entwicklung: Das erwartbare Ende der weißen Riesen verursacht einen regelrechten „Run“ auf die Gletscher, der in manchen Fällen wiederum ihren Schutz gefährdet. Etwa dann, wenn Seilbahnen gebaut werden oder Geotextilien zur Abdeckung von Gletschereis auf lange Sicht zu Mikroplastikverschmutzung führen.

6. Trinkwasser ist nicht selbstverständlich
Und fernab der Berge? Ich wohne in Wien, das sein Trinkwasser nicht aus der Donau, sondern über Hochquellenleitungen aus den gletscherlosen Massiven Schneeberg, Rax und Hochschwab bezieht (Regen- und Schneeschmelzwasser), somit hat das Verschwinden der Gletscher keine direkte Auswirkung auf meine Wasserversorgung. Anders verhält es sich in vielen anderen flussnahen Städten in Europa, die ihr Trinkwasser aus Uferfiltrat gewinnen. Die Alpengletscher dienen im Sommer als Wasserreserven für große Flusssysteme, wie den Rhein oder den Inn. Sinkt deren Pegel aufgrund fehlender Schmelze stark ab, beeinträchtigt das die Trinkwasser-Gewinnung und Qualität. Die Auswirkungen können sogar noch weitreichender sein: Die Rhone, einer der wasserreichsten Flüsse Europas, hängt stark vom Rhonegletscher ab. Städte im Rhonetal nutzen das Wasser nicht nur zum Trinken, sondern auch für die landwirtschaftliche Bewässerung und sogar für die Kühlung von Kernkraftwerken. Ein Rückgang der sommerlichen Schmelze gefährdet diese Nutzungen. Für mich persönlich sind die Auswirkungen derzeit noch nicht so drastisch. Im Sommer ausgetrocknete Nebenarme der Donau, in denen ich gerne Kajakfahre, haben laut dem Nationalpark Donauauen mit vielen Faktoren, jedoch wenig mit Gletschern zu tun.

7. Spuren verschwinden
Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Dass sie in Büchern konserviert ist, war mir bewusst, in Gletschern hingegen weniger. Doch genau das ist der Fall – etwa am Gipfelgletscher der Weißseespitze in den Ötztaler Alpen. Wissenschaftler beziehen dort aus über Jahrtausende gewachsenem Eis chemische Spuren und wertvolle Klimadaten, die als missing link von Klimamodellen auch helfen, die Zukunft besser vorhersagen zu können. In den mit speziellen Bohrern entnommenen Eiskernen finden sich aber auch ganz konkrete Hinweise darauf, wie das Leben der Menschen in Alpenregionen ausgesehen hat – etwa Spuren von Metallverarbeitung aus der Römerzeit. Doch leider: das unbezahlbare Gletschereis-Geschichtsarchiv der Weißseespitze schmilzt rasant dahin, laut der Glaziologin Andrea Fischer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist ein erheblicher Teil bereits verschwunden.
Wo Gletscher verschwinden, kommen aber auch andere Dinge zum Vorschein. Hobby-Archäologen haben etwa in Südtirol tausende Jahre alte Baumstämme, eine Hütte aus der Bronzezeit und andernorts sogar eine Hose gefunden.

Wo sich der Kreis schließt
Hier schließt sich der Kreis in gewisser Weise. In den abgetauten Gebieten der Alpengletscher entsteht auch wieder Neues, etwa Seen. Eine einzigartige Landschaft, die uns womöglich auch ins Staunen versetzt. Und neue Lebensräume, die von Tieren und Pflanzen eingenommen werden. Geht es nach dem Alpenverein, sollten diese unbedingt geschützt werden.

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