
Der Mount Everest ist mehr als nur der höchste Berg der Erde. Er ist Mythos, Lebenstraum, Prestigeobjekt – und zunehmend auch Symbol für die Kommerzialisierung des Alpinismus im Himalaya in Nepal. Experten erklären fünf aktuelle Entwicklungen am Mount Everest und beurteilen sie kritisch.
Mount Everest: Der höchste und bekannteste Berg der Welt Entwicklung 1: Der Expeditionstourismus wird immer luxuriöser Entwicklung 2: Eine Everest-Besteigung wird immer einfacher (und bleibt doch schwierig) Entwicklung 3: Der Mount Everest wird strenger reguliert Entwicklung 4: Der Everest wird als Wirtschaftsfaktor immer wichtiger Entwicklung 5: Der Everest ist ein Spiegel der Gesellschaft Bergwelten-Podcastfolge #103 über den Mount Everest Fazit: Was ist der Mount Everest heute?
Mount Everest: Der höchste und bekannteste Berg der Welt
Seit der Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay im Jahr 1953 hat der höchste Gipfel der Welt nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Im Gegenteil: Die Zahl der Besteigungen steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich.
Laut der Himalayan Database, der weltweit wichtigsten Datensammlung zu Expeditionen im Himalaya, haben mittlerweile mehr als 7.500 Menschen den Gipfel erreicht. Allein im Jahr 2025 standen 830 Bergsteigerinnen und Bergsteiger erfolgreich auf dem höchsten Punkt der Erde – bei über 1.000 Gipfelversuchen. Die Erfolgsquote liegt heute bei rund 80 Prozent, die statistische Todesrate unter einem Prozent.
Billi Bierling, Journalistin, Managing Director der Himalayan Database und seit 2004 Chronistin der Everest-Geschichte, bringt die Faszination nüchtern auf den Punkt:

„Der Everest ist ein Prestige-Objekt. Er ist eine Trophäe. Viele wollen einfach sagen können: Ich war auf dem höchsten Berg der Welt.“
Journalistin und Himalaya-Chronistin Billi Bierling
Entwicklung 1: Der Expeditionstourismus wird immer luxuriöser
Die Organisation und der Ablauf einer Everest-Besteigungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten völlig verändert. Während früher nur einzelne westliche Expeditionsunternehmen Besteigungen angeboten haben, tummeln sich heute rund um den höchsten Berg der Welt hunderte kleine Expeditionsunternehmen aus Nepal und der ganzen Welt. Dadurch ist der Berg deutlich zugänglicher geworden und deutlich luxuriöser.

Je nach Anbieter kosten Everest-Besteigungen zwischen 40.000 und 150.000 Euro. Wer besonders luxuriös unterwegs sein will, kann Zelte mit Himmelbett, Barista-Kaffee, Helikopter-Shuttles und persönlichen Rundum-Service buchen.
Willi Steindl, Hotelier aus Kirchberg in Tirol, hat alle Seven Summits bestiegen und war 2022 am Gipfel des Mount-Everest. Er berichtet von den riesigen Dimensionen des Everest-Tourismus: „Das Basislager am Mount Everest ist unfassbar, das ist schon überwältigend. Es ist fast eine Zeltstadt, würde ich sagen, mit ungefähr 2.000 Leuten.“
Der Mount Everest ist heute Treffpunkt von Managern, Monarchen und erfolgreichen Unternehmerinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft. Viele von ihnen haben kaum bis gar keine alpinistischen Hintergründe oder Motive – was sie lediglich vereint ist das Ziel: Einmal im Leben auf dem höchsten Berg der Welt zu stehen.
Entwicklung 2: Eine Everest-Besteigung wird immer einfacher (und bleibt doch schwierig)
Wie viel Alpinismus steckt heute noch im Mount Everest? Auf der Normalroute wenig, meint Bili Bierling von der Himalayan Database: „Wenn du auf der Normalroute gehst, also über den Südsattel oder den Nordsattel, ist da nicht mehr viel Alpinismus dabei. Ich vergleiche den Everest immer gern mit einem Klettersteig, denn er ist vom Basislager bis zum Gipfel hoch mit dem Seil fixiert.“
Aber trotzdem bleibt eine Everest-Besteigung laut Billi Bierling eine große Leistung: „95 Prozent der Menschen, die auf dem Everest waren – mich eingeschlossen – wären ohne Hilfsmittel nie da oben gestanden. Aber man darf nicht vergessen, dass man immer noch einen Fuß vor den anderen setzen muss.“
Ich vergleiche den Mount Everest immer gern mit einem Klettersteig, denn er ist vom Basislager bis zum Gipfel hoch mit dem Seil fixiert.
Journalistin und Himalaya-Chronistin Billi Bierling
Entwicklung 3: Der Mount Everest wird strenger reguliert
Aktuell plant die nepalesische Regierung ein neues Gesetz, um den Zugang zum Everest restriktiver zu gestalten. Wer ein Permit für den höchsten Berg der Welt erhalten will, soll zuvor bereits einen 7.000 Meter hohen Berg bestiegen haben. Dazu kommt ein Gesundheitszeugnis, das nicht älter als ein Monat sein darf. Außerdem hat die nepalesische Regierung einen Fonds zum Schutz der Umwelt und zur Sicherheit der Bergsteigerinnen und Bergsteiger eingerichtet: So sollen bisherige Kautionen und Abgaben, die im Zuge einer Besteigung bezahlt und hinterlegt werden mussten, in diesen Fond fließen.

In der Theorie machen all diese Überlegungen Sinn. In der Praxis könnten sie jedoch schwer umzusetzen sein, warnt Tshiring Jangbu Sherpa, Bergführer und Betreiber des nepalesischen Expeditionsunternehmen Everest Sherpa Expedition – zum Beispiel beim Gesundheitszeugnis: „In Kathmandu bekommt man ein Gesundheitszertifikat oft auch ohne echte Untersuchung. Wenn das Gesetz wirken soll, muss sichergestellt werden, dass diese Checks wirklich von qualifizierten Ärzten durchgeführt werden. Sonst ist es nur mehr Papierarbeit.“
Kritisch wird auch gesehen, dass der 7.000er zwingend in Nepal sein muss. „Das bedeutet, dass man am K2 gewesen sein kann, und die Vorerfahrung wird trotzdem nicht anerkannt“, gibt Billi Bierling zu Bedenken. Außerdem bedeute die Besteigung eines 7.000ers nicht automatisch, dass jemand wirklich auf den Everest vorbereitet sei, meint Tshiring Jangbu Sherpa. „Die eigentliche Herausforderung beginnt erst über 8.000 Meter in der Todeszone.“
Entwicklung 4: Der Everest wird als Wirtschaftsfaktor immer wichtiger
So berechtigt die Kritik an der Kommerzialisierung erscheint – sie greift zu kurz, wenn sie den wirtschaftlichen Kontext ausblendet, meint Everest-Besteiger Willi Steindl:
„Das ist ein riesiger Wirtschaftszweig. Wo wäre Tirol heute ohne Tourismus? Der Bergtourismus bringt Geld in diese Region. Und das ist sehr, sehr wichtig, damit die Menschen dort ein würdiges Leben haben.“
Hotelier und Everest-Besteiger Willi Steindl

In Nepal hängen tausende Existenzen vom Bergtourismus ab. Diesen Faktor dürfe man bei all der Kritik am Expeditionstourismus nicht vergessen, warnt Willi Steindl. Die Diskussion über den Everest wird oft aus der Sicht derer geführt, die hinaufgehen – seltener aus der Sicht jener, die diese Besteigungen überhaupt erst ermöglichen. Denn für viele Sherpas und High-Altitude-Worker geht es beim Bergsteigen nicht um Stilfragen, sondern um überlebenswichtige Mindeststandards: Versicherungsschutz, faire Bezahlung, klare Sicherheitsrichtlinien und verlässliche Unterstützung in Notfällen.
Entwicklung 5: Der Everest ist ein Spiegel der Gesellschaft
Der Everest sei ein Spiegel unserer Gesellschaft, meint Billi Bierling. Sie erzählt von Anfragen bei der Himalayan Database, in denen Menschen wissen wollen, ob sie der Erste waren, der einen Rückwärtssalto auf dem Gipfel gemacht hat, oder wer der erste Veganer, Influencer oder Mensch mit den längsten Haaren auf dem Mount Everest war. Wie so oft in unserer Gesellschaft geht um höher, schneller, weiter. Das sei jedoch nicht nur im Himalaya so, sondern auch bei uns, meint Billi Bierling.
„Wenn man sich anschaut, was in den Alpen auf Hütten inzwischen alles geboten wird – warum soll es dann im Everest-Basislager nicht auch Luxus geben?“
Journalistin und Himalaya-Chronistin Billi Bierling

Bergwelten-Podcastfolge #103 über den Mount Everest
In Folge #103 des Bergwelten-Podcasts „Höhen und Tiefen“ spricht Bergwelten-Redakteur Robert Maruna mit Himalaya-Expertin Billi Bierling, Everest-Besteiger Willi Steindl und Expeditionsleiter Tshiring Jangbu Sherpa über den Mount Everest, seine Kommerzialisierung und die ungebrochene Faszination an dem höchsten Berg der Welt.
Fazit: Was ist der Mount Everest heute?
Der Mount Everest ist heute vieles zugleich: Lebenstraum, Statussymbol, Wirtschaftsfaktor und Projektionsfläche für unsere Vorstellungen von Abenteuer. Die Frage ist vielleicht nicht mehr, wer den Gipfel erreichen darf, sondern unter welchen Bedingungen. Die Ambivalenz zwischen All-inclusive-Gipfel und bergsteigerischer Herausforderung wird bleiben – und genau das macht wohl auch die Faszination aus.

